Goddentow Kr. Lauenburg Pom.

               Mariusz Baar in Goddentow                                              

 

Seit über 30 Jahren beschäftige ich mich mit Ahnen und Heimatforschung vor allem in den ehemaligen Landkreis Lauenburg /Pom ,und auch in den benachbarten Landkreisen : Karthaus, Neustadt, Stolp,Bütow ,Putzig ,Danzig. Ich forsche  in  anderen ehemaligen deutschen Provinzen : Schlesien ,Pommern ,Westpreussen, Ostpruessen, sowie auf den anderen Gebieten : Grosspolen , Wartheland, Posen,Bromberg. Auch in anderen Regionen Polens, den heutigen ,und ehemaligen. Selbst in in Deutschland ist die Familienforschung nicht ausgeschlossen .

 Rufen Sie mich bitte einfach an. Ich spreche  sehr gut  deutsch.

Tel: 0048 888 602 194    

Nehmen Sie gern Kontakt zu mir auf auch per Email: mariuswicko@interia.pl

WhatsApp +48 888602194 

Verbringen Sie Urlaub in Polen, oder sind Sie geschäftlich unterwegs? Brauchen Sie Hilfe beim Dolmetschen oder in Archiven? Ich kann Sie auch von Kolberg oder dem Danziger Flughafen abholen, und Ihnen die Region zeigen.

  1. Abrahm Adeline (STBg45/05),Johann,Hermine,Ernst (STBA49/01)

  2. Becker Pauline (STBA57/01)

  3. Behrendt Franz  (ABII) (Polizeiassistent )

  4. Birr Hermann   (ABII) 

  5. Block Richard,Antonie,Gerard (STBg44\06)

  6. Boisson Wilhelm ,Bertha,Gertdud (STBg49\06)

  7. Brennecke Georg (NK24,49)

    Minna Felgner geborene Brieschke Goddentow kreis Lauenburg ommern
  8. Brieschke Minna (CG†),Ernst ,Max, Paul ,Otto   (ABII) 

  9. Christoffer Erich ( Gutsstellmacher )  (ABII) 

  10. Döring Paul   (ABII) 

  11. Ebel Karoline (LUSB71/98)Jurgen Echternach Lauenburg Pommern

    https://en.wikipedia.org/wiki/J%C3%BCrgen_Echternach
  12. Echternach Helmut Friedeberdt  (Pastor)  (ABII),Margarete, Jurgen -Siegmar Wilhelm Manfred,(MRZu)

  13. Ernst Johanne (STBg33/05)

  14. Felgner Minna (CG†)

  15. Felstow Paul   (ABII) 

  16. Filter Antonie (STBg44\06)

  17. Franz Caroline (STB g 10/76)

  18. Freitag Jacob ,Friedrich,Charlotte 

  19. Garmatz Julius,Caroline,Meta,(STB g28/76)

  20. Garbe Otto,  (ABII) Marie,Hedwig (STBg38/05)

  21. Gliemke Otto (Gastwirt)   (ABII) 

  22. Goldack Gustav (GLH)

  23. Gorski Herbert,Waltraud (MRZ),(SDB239)

  24. Granzin Paul   (ABII) Greinke Johannes (AV)

  25. Griesbach Werner (AE1)

  26. Groth Bertha (STBg49\06)

  27. Grubbe Frieda , Paul (AV),Otto   (ABII) 

  28.  dr. Haar Johannes (KP94) (AV)

  29. Hahlmann Otto   (ABII) 

  30. Hebel Albert ,Lieselotte (LĘB174,34)

  31. Henning Erich   (ABII) 

  32. Horn Hermann, Karl (GLH),Hugo  (ABII) 

  33. Jeschke Karoline (STL s 2/00 )

  34. Johnske Friedrich ,Paul (GLH)Marie (STBg38/05),Robert   (ABII) 

  35. Jost Willy   (ABII) 

  36. Kannenberg Friedrich (Pastor),Johanna,Gustav (STBg 33/05),Johannes (STBA51/01)

  37. Kemp Gustav ,Auguste (MRZu),Amalie (MRZu)

  38. Kielack Ferdinand ,Martha (GIX40)

  39. Klaschka Lieselotte (LĘB174,34)

  40. Klerewe Erich   (ABII) 

  41. Kliewe Alfred (AV)

  42. Klotz Eduard ,Bertha,Fritz (STBg1/06)

  43. Kolodseike Otto,Paul (GLH)

  44. Korsch Friedrich,Bertha (NN280/81)

  45. Korth Friedrich,Karl (LKBd1/04)

  46. Kreutzer Carl (NB116/60)

  47. Labuhn Johann,Carl,Wilhelmine,Henriette,August (V25)

  48. Lehnert Wilhelm   (ABII) 

  49. Lietzau Erimar (AV)  (ABII) (Lehrer)

  50. Lilwitz Maria,Erna,Adolf (LUS170/04)

  51. Maass Johanna (STBg13/76)

  52. Manzeschke (GIX40)

  53. Marten Hermann   (ABII) 

  54. Meinke Friedrich (GG11),Friedrich,Pauline,Luise (STBA57/01)

  55. Meissner Paul,Selam (GRIX)

  56. Mielewczik Franz ,Johanna ,Mathilde (STB g 13/76)

  57. Misiarek Leon (MRZd)

  58. Musa Rosalie ,Ferdinand (V206)

  59. Müller Emil (GLH),Ferdinand   (ABII) 

  60. Nitz Otto,Reinhold,Friedrich,Karoline (LUSB71/98)

  61. Pahnke Alfred (GLH)

  62. v. Panzer Walter (AV)

  63. Pauli Helmut   (ABII) 

  64. v.Pelet Friedrich ,Wilhelm (MRZHA)

  65. Petsch Ernst (GLH)

  66. Pioch Hermann  (ABII) 

  67. Radtke Heinrich,Ida,Max (STBA50/01)higo   (ABII) 

  68. Rateike Karl (GLH)

  69. Rathke Auguste (MRZu)

  70. Richert Emil (NG32/18),  (ABII) 

  71. Rohde Hermine (STBA49/01)

  72. Rohr Paul,Adeline(STBg45/05)

  73. Rzoski Antoni (SUSCR124)

  74. Schardin Luise (STB g4/76)

  75. Scherer Helmut (AV)

  76. Schwichtenberg Paul (AV) Johann (GLH)

  77. Skibbe Otto ,Meta ,Martha (STBg42\06)

  78. Sengstock  August (GLH)

  79. Siegler Otto   (ABII) 
  80. Schröder Emil   (ABII) 
  81. Schulz  Martin ,Luise ,Caroline (STB g4/76),August (ULc113/88)
  82. Sommerfeldt Herbert ,Hugo (AE2)

  83. v.Somnitz Doering   (ABII) 

  84. Taschke Christian (STAR s 21 /76)

  85. Taube Martin ,Sophie (MRZu)

  86. Toschin Sophie (MRZu)

  87. Triebull Reinhold (Gutschmied )  (ABII) Anna ,Harry (MRZu)

  88. Troike Wilhelm Gärtner )  (ABII) 

  89. Ulrich Erna (AV)

  90. Warsinski Selma (GRIX)

  91. Westerheide Erna (AV)

  92. v.Wiesiołoski Freundegunde (NV445/44)

  93. Witt Ferdinand ,Caroline ,Adolph (STB g10/76)

  94. Wodtke Otto (AV)(Kutscher,Kraftwagenfahrer ) (ABII) 

  95. Wrosch Paul   (ABII) 

  96. Zelinski Johann (AV)

 Fotos ,Geschichte und Erinnerungen:

 

Goddentow Kirche kreis Lauenburg Pommern

Die abgerissene Kirche in Goddentow früher.

Das innere der Kirche zu GoddentowGodetow kreis aluenburg pommern die Kirchen Innere

 Prezbiterium In der Goddentow Kirche.

GUITSHAUS IN GODDENTOW VOR 1945

GUITSHAUS IN GODDENTOW VOR 1945

gutshaus goddentow

GUITSHAUS IN GODDENTOW

                                               Gusthaus in Goddentow(Einsender Jean von Wittke)

GASTHAUS MEINKE

                              Gasthof Meinke.

RAD GODĘTOWO Rad GoddentowGoddentow RAD

                                         RAD  Goddentow.

 

 Aus der Lauenburger Zeitung:

Goddentow  Richard Bannier

 

Erinnerungen.

Meine lieben Enkelkinder
Heilwig, Christoph, Rudolph, Leopold, Moritz, Viola, Lucia, Nina, Jenny
Ich schreibe an euch und für euch.
Ich wollte euch schon lange von den ersten 8 Jahren meiner Kindheit in Goddentow, unserem Gut in Hinterpommern, erzählen. Nun ist mir plötzlich klar geworden, dass es eilt, denn ich bin die letzte Überlebende in unserer Familie, die diese Epoche noch aktiv miterlebt hat. Meine jüngere Schwester, Iris, wurde erst 1944 geboren und hat Goddentow mit Mutter im März 1945, direkt vor dem Einmarsch der Russen, noch als Baby verlassen. Alle anderen sind
dahingegangen. Aber sie haben mir eine Verpflichtung auferlegt:
Berichte den nächsten Generationen anhand deiner eigenen Jugend von der Zeit vor dem großen Umschwung.»
Die historischen Fakten sind in den Geschichtsbüchern nachzulesen. Diese Fakten will ich lebendig machen für euch.
Einige von euch haben mich öfters gebeten: Erzähl uns von Grandmi (meiner Mutter)! Erzähl uns von deiner Kindheit! Wie war‘s, als du klein warst?
Hier habt ihr nun meine Antwort Ihr kennt mich ja gut. Ihr könnt meine Fantasie auch einschätzen, habe ich euch doch oft Geschichten erzählt, und dann um einer guten Pointe willen maßlos übertrieben. Aber ich will hier ganz ehrlich sein und mich nicht zu tollen Fantasien hinreißen lassen. Die Wahrheit ist toll genug.
Als ich mich am Buß- und Bettag, am 18. November 1936 in die Welt drängte, und damit meiner Mutter den Morgenschlaf raubte, war mein Vater auf dem anderen seiner Güter, in Jezow. Das war das Gut mit dem größten Waldbestand, und Vater liebte seinen Wald. Er zeichnete alle Bäume, die geschlagen werden sollten, persönlich aus (ein Schnitt in die Rinde), obwohl das eigentlich die Aufgabe des Försters, Herr Gomoll oder «Gomollchen» war. Vater verbrachte viel Zeit in Jezow. Dort fuhr man mit der Pferdekutsche hin.
Onkelein, Mutters Bruder, erinnerte sich später, dass er um 5 Uhr früh den Auftrag erhielt, den Kachelofen im Schlafzimmer der Eltern anzuheizen, denn das Baby würde wohl kommen. Es war immerhin ein kalter Novembertag.
Meine Mutter hatte während der ganzen Schwangerschaft geraucht. Man wusste damals nicht, wie schädlich das war. Ich war ein sehr dünnes Baby mit blauer, schlecht durchbluteter Haut. Mutter soll bei meinem Anblick spontan ausgerufen haben: ((Oh Gott, wie hässlich!»
Wenn dies auch nicht gerade einladende Worte sind, diese Welt zu betreten, so verstand ich sie glücklicherweise nicht und machte es mir trotzdem bequem.
Mein ältester Bruder Christoph wurde im Krankenhaus in Stolp geboren. Nachdem das gut und ohne Komplikationen verlaufen war, wurden die folgenden 4 Kinder alle im Haus in Goddentow entbunden.Meine Mutter hat immerhin in den ersten 6 Jahren ihrer Ehe von 1930-1936 vier Kinder auf die Welt gebracht.(das 5. Kind kam erst nach 7-jähriger Pause) d.h.: in 6 Jahren, also von ca. 72 Monaten ist sie 36 Monate lang schwanger gewesen. Das wurde allmählich als eine lästige Beigabe empfunden, und nachdem sie bereits 2 gesunde Jungens (Christoph-Lorenz und Tetzlav) und ein reizendes blauäugiges Töchterlein (Friederike) geboren hatte, war ich eigentlich überflüssig. Als 4. Kind war ich mehr ein “Mitläufer“, ich habe mich immer bemüht, keine großen Umstände zu machen und mich möglichst unbemerkt einzuordnen, denn sonst wurde ich von den großen Geschwistern nicht mitgenommen. Meine beiden Brüder waren sehr lieb zu mir und stolz, wenn sie mir etwas Neues beigebracht hatten (auch wenn dies nicht immer “salonfähig“ war). Mit meiner Schwester (2 ,5 Jahre älter) zankte ich viel. Wir prügelten uns und kratzten, aber wenn es darauf ankam, standen wir immer füreinander ein. Mutter genoss das Leben damals. Sie tanzte leidenschaftlich gerne, genoss die Feste und Gesellschaften, war aber immer wieder durch Schwangerschaften verhindert, bei den sozialen Begebenheiten voll teilzunehmen. Es drehte sich hier vorwiegend um traditionelle Jagdgesellschaften, um Taufen, Hochzeiten, runde Geburtstage auf den Nachbargütern, und als seltene Höhepunkte: Eine Reise in die Metropole Berlin. Dort traf sie sich mit ihrer eleganten Freundin (die Freundschaft stammte noch aus dem Internat) Daisy, Baronin v. Lepel, die ein Mittelpunkt der chicen Gesellschaft in Berlin war. Mit großer Bewunderung erzählte Mutter von ihr, dass sich 2 Herren sogar um Tante Daisy duelliert hätten, wobei der eine sein Leben ließ. So etwas trug damals zum Ruhm einer jungen Dame bei. Wenn Tante Daisy zu uns nach Goddentow kam, war das immer sehr lebhaft und witzig, und sie berichtete den neuesten Klatsch der Gesellschaft. Für Mutter eine große Quelle der Freude. Wir Kinder liebten diese Besuche auch, weil Mutter dann immer so fröhlich war. Vater verzog sich dann gerne tagelang nach Jezow. Diese Geschichten interessierten ihn keineswegs. Ich erinnere mich, wenn Tante Daisy vom Kutscher Klewe mit dem Pferdewagen vom Bahnhof in Lanz abgeholt wurde, aus der Kutsche stieg, oder besser gesagt sich lachend in Mutters Arme warf und dann beide in bester Eintracht hoch in Mutters Ankleidezimmer gingen, um die [neuesten Klamotten zu besichtigen. Arme Mutter, es war wohl recht provinziell und spartanisch, von der Hausschneiderin verändert, was sie zu zeigen hatte und meistens Umstandskleider, während Tante Daisy hinreißende Schöpfungen der Berlin der Haute Couture vorwies. Wir hörten immer viel Gelächter aus den Zimmern, wo die Beiden waren. 1 Tante Daisy und Mutter hatten sich in einem fashionablen Mädchen-Pensionat in Berlin getroffen. Es sollte eine lebenslange Freundschaft werden. Die Geschichte ihres ersten Treffens hat uns immer wieder amüsiert. Ich will sie hier weitergeben: [Meine Mutter war auf dem großelterlichen Gut «Oscht» in der Neumark aufgewachsen und war ein typisches Landkind. Nun fanden es ihre Eltern an der Zeit, der Tochter eine Erziehung mit dem notwendigen «gesellschaftlichen Schliff» und etwas Luft der großen Welt angedeihen zu lassen. Dazu war damals Berlin der richtige Platz, es war der kulturelle Mittelpunkt von Preußen. Dort waren auch die beiden Brüder von Mutter: Karl und Ernst-Adolf Bogislav im Kadettencorps, einem Internat, wo die Jungens ab 10 Jahren schon in steife preußische Uniformen gesteckt wurden und sehr streng an die preußischen Ideale herangeführt wurden. Meine Onkels litten darunter sehr und sehnten sich nach der Freiheit auf dem Gut zuhause zurück. Es wurde also unter Großmutter strenger Aufsicht neue Garderobe in der nächsten Kreisstadt eingekauft, vervollständigt von der Hausschneiderin, und dann das Reisegepäck gepackt. Dies bestand aus einem großen geflochtenen Strohkorb, mit verschließbarem Deckel. Meine Großmutter ahnte nicht, wie altmodisch und skurril alleine das Gepäck von außen wirkte, ganz zu schweigen von dem Inhalt Dann trafen sie im Pensionat in Berlin ein. Mutter muss damals ca. 14-15 Jahre gewesen sein, und war bisher nur vom Hauslehrer, den sie mit ihren Brüdern geteilt hatte, unterrichtet worden. Es war also an der Zeit etwas für eine Vervollständigung ihrer Bildung zu tun. Tante Daisy schilderte uns später Mutters Einzug ins Mädchenpensionat. Wir mussten immer wieder Tränen lachen. Die Szene muss absolut filmreif gewesen sein. Großmutter stand mit ihrer aufgeputzten Tochter im Empfangszimmer. Diese Tochter hatte feurige rote Haare, lang und kraus, von einer großen Schleife auf dem Kopf stolz zusammengehalten. Die Kleider, die ganze Aufmachung war total altmodisch, und neben ihr diese große, strohgeflochtene Truhe ‚ und. aus dem vorigen Jahrhundert, verstärkte noch die Kuriosität dieser offenbar neuen Schülerin. Das Bild muss so komisch und ungewohnt Flur die Berliner «Töchter» gewesen sein, dass die erste, die das neue Mädchen gesehen hatte, einen Lachanfall bekam und laut prustend aus dem Zimmer lief. Die anderen wurden daraufhin ermuntert, doch mal schnell ins Empfangszimmer zu kommen, dort gäbe es eine Sehenswürdigkeit. Mutter erinnerte sich später daran, dass dauernd die Tür auf der einen Sehe des Zimmers aufging, ein Mädchen still eintrat und plötzlich zur gegenüberliegenden Rk rausstürzte, sich die Hand vor den Mund haltend. Diese Szene wiederholte sich etliche Male, und Mutter fand das Spielchen auch ganz lustig, aber verstand glücklicherweise nicht, dass es ihr galt. So konnte sie unbefangen ihren Einzug in die Schule halten. Tante Daisy und Mutter wurden bald unzertrennlich. Das lustige Landmädchen und die elegante Städterin ergänzten sich prima. Ich möchte hier besonders auf die preußische Erziehung eingehen, nach deren Idealen und Prinzipien meine Eltern und die Generationen davor erzogen worden waren, und so auch wir. Diese Ideale haben sich nach dem Krieg stark verändert. Wir tragen sie jedoch teils als Ehre, teils als Ballast mit uns herum unser Leben lang. Es handelt sich hier um folgende Eigenschaften: Das Pflichtbewusstsein. Wenn man sich für etwas engagiert hatte, z.B. eine Aufgabe übernommen hatte, so war diese pflichtgemäß auszuführen. Der Unterschied zu heute ist, dass es da absolut keine Entschuldigung gab, die einen von der Aufgabe befreit hätte. Dies schließt auch ein, dass man pünktlich ist. Denn hat man sich einmal verabredet, dann ist es die Pflicht, pünktlich da zu sein und nicht den anderen warten zu lassen. Das war uns so eingebläut worden und es sitzt noch heute. Das Pflichtbewusstsein entstand wohl in erster Linie von den Soldaten zu ihrem König und wurde dann ein allgemeines Prinzip. Meine Grosseltern waren sehr königstreu. Großvater hatte als Major im Krieg gedient, und unter unseren Ahnen finden sich viele, die im preußischen oder polnischen Heer ihr Leben beim Militär verbracht oder gelassen hauen. Der berühmteste war wohl der General v. Tauentzien, einer der Generäle Friedrich des Grossen. Von ihm haben wir noch einige Dokumente durch den Krieg gerettet, z.B. einen Brief an Tauentzien, wo der König den später berühmt gewordenen Satz schreibt: “Man soll nicht Schusters und Schneiders zu Generalen machen“. In einem anderen Brief schreibt der König seinem General ein Rezept gegen Hämorriden. Onkelein (der Bruder meiner Mutter) hat diese Dokumente nach dem Krieg an die Hohenzollern-Stiftung gegeben. Diese Königstreue führte auch zu folgender Episode, die heute kaum glaublich wirkt: Wir spielten Karten, und mir fiel eine Karte auf den Boden, es war ein König. Ich hob die Karte auf und sagte :“ach, das war der blöde König“. Großmutter hörte das und war entsetzt. So etwas sagt man einfach nicht! Ich musste also den König (die Spielkarte) küssen und mich entschuldigen. Ab frühester Kindheit wurden uns Aufgaben übertragen, an denen wir unser Pflichtbewusstsein üben sollten. Ich erinnere mich z.B, dass es mir übertragen wurde, eine große Standuhr jeden Tag aufzuziehen, d.h. die Gewichte an den Keifen nach oben zu ziehen, dann tickte sie wieder einen ganzen Tag. Auch Krankheit befreite mich nicht von dieser Aufgabe, und ich habe es tatsächlich nie vergessen. Wenn wir wegfuhren, musste ich für eine Vertretung sorgen. Eine typisches preußisches Prinzip war die Härte sich selber gegenüber. Dies galt sowohl physisch wie psychisch. Man beherrschte sich und jammerte nicht. Ich haue mir beim Skilaufen das Wadenbein gebrochen. Es galt, die Zähne zusammenzubeißen und sich nachhause zu schleppen. Das schlimmste Schimpfwort war, ein Weichling zu sein. Nachdem ich dann 2 Tage auf 1 Bein herumgehumpelt war, rief Mutter doch den Hausarzt, und ich war erleichtert, als er einen Bruch feststellte. Also war ich kein “Weichling“ gewesen. In Goddentow kam der Arzt nur selten ins Haus. Es soll da eine Salbe gegeben haben, mit der Vater seine Gewehre schmierte, seine Pferde kurierte und sie dann auch für die Kinder zur Verfügung stellte (die Reihenfolge dabei ist durchaus wichtig und authentisch!) Ich erinnere mich noch an ihren Gestank. Wir hauen alle oft vereiterte Mandelentzündungen mit hohem Fieber. Nach und nach bekamen wir alle die Mandeln herausgenommen, und das machte der befreundete Prof. Schmidt (Schmidtchen genannt) in Danzig. Ich hatte oft Mittelohrentzündungen mit viel Schmerzen. Das dauerte immer wochenlang mit hohem Fieber. Penicillin gab es ja da noch nicht. So habe ich viele Wochen krank im Bett verbracht und lernte früh, mich selber zu beschäftigen. Vor allem habe ich viel gemalt. Das schönste Weihnachtsgeschenk waren immer Buntstifte, Wasserfarben und Zeichenblock. Ein eher veraltet anmutendes Prinzip war die Bescheidenheit, ein wichtiges Erziehungsprinzip in Preußen. Gerade, wenn man einmal andere Menschen leiten soll, ist es wichtig, mit gutem Beispiel voranzugehen, sich aber nicht vorzudrängen, sich nicht die größten und besten Stücke bei Tisch zu nehmen, etc. Dies muss aber auf dem Hintergrund der damaligen Gesellschaftsstruktur gesehen werden: Man wurde durch Geburt auf einen bestimmten Platz in der gesellschaftlichen Rangordnung gestellt, und diesen Platz behielt man gewöhnlich sein Leben lang. Er war für einen “reserviert“, und wurde einem von niemandem streitig gemacht. Man brauchte also keine Ellenbogen um sich sozial zu behaupten. Man konnte es sich leisten, mit Bescheidenheit ein gutes Beispiel zu geben. Ich möchte dies auch eine “snobistische Bescheidenheit“ nennen. Ich erinnere mich noch genau, wie empört eine unserer Tanten war, als sieh nach dem Krieg die sozialen Grenzen wesentlich lockerten, und sie feststellte, dass auch Arbeiterkinder studieren konnten und damit ausrief: “nein, wie unmöglich, stellen sie sich einmal vor, jetzt sollen meine Kinder womöglich zusammen mit den Kindern des Chauffeurs auf  einer Bank sitzen, Seite an Seite in der Universität!“ Vielleicht kann man das soziale Gefüge aus der Zeit mit einer Art Kastenwesen vergleichen. Die nächste Generation musste jedenfalls sehr schnell umlernen. Ich erinnere mich auch, wie NN als Erwachsener junger Mann seiner Erzieherin (unserer geliebten Lice, die wir in Goddentow mit den NN-Kindern zusammen hatten, und mit der wir dann auf die Flucht gingen) bittere Vorwürfe machte, dass sie in der Erziehung zuviel Gewicht auf Bescheidenheit gelegt hätte, anstatt den Kindern beizubringen, wie man sich nach oben hoch kämpft. Keines der wissenschaftlich hochbegabten NN-Kinder hat die Leitung des Konzerns nach ihrem Vater übernommen. Diese Position hätte ihnen von Geburt aus zugestanden, aber die Zeiten hatten sich nach dem Krieg geändert und andere drängten sich vor. Hier war die Bescheidenheit ein ausgesprochener Hemmschuh. Es ist immer wieder das alte Problem: Man soll seine Kinder für eine Zukunft erziehen und fit machen, die man selber nicht kennt. Der Prophet Khalil Gibrari sagt: “Deine Kinder wohnen in einem Haus, das du nie betreten kannst...“ Eine weitere Maßnahme unserer Erziehung galt dem Umgang mit Gefühlen. Gefühle sind zu beherrschen, aber nicht zu zeigen! Vor allem Gefühlsregungen sind zu unterdrücken. Das war für mich ein besonderes Problem, denn leider war ich immer sehr nahe ans Wasser gebaut. Bei Gefühlsregungen, sei es nun freudiger oder trauriger Art, kamen und kommen mir sofort die Tränen, und das trug mir den Namen “Heuli“ statt “Heili“ ein. Ich habe so hart probiert, die Tränen zu unterdrücken, aber ohne Erfolg. Lice wollte mir helfen, diese Schwäche loszuwerden, denn das war in der damaligen Zeit mit einem korrekten Benehmen unvereinbar, und ich wurde immer wieder gehänselt und von meinen Geschwistern geärgert. Daher wurde die Regel aufgestellt: wenn Heili heult, dürft ihr sie alle Heuli nennen, und sie muss für 1 Stunde eine lila Schleife im Haar tragen. Es war hilfreich gemeint, aber doch grausam. Ich konnte mich gut beherrschen, wenn ich mir weh getan hatte. Aus Schmerzen heulte ich längst nicht mehr. Aber Gefühlsregungen waren stärker, und schon flossen die Augen über. Nur beim Theaterspielen Jahre später im Internat kam mir diese Eigenschaft zugute. Ich war die Einzige, die bei tragischen Szenen echte Tränen heulen konnte. Es genügte, mir etwas Trauriges genau vorzustellen, und schon klappte es mit den Tränen.Über Gefühle sprach man nicht, man hatte zu lernen, mit sich selber fertig zu werden. Mutters Wahlspruch war: “Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott“ Sie war ja auch ein Produkt der preußischen Erziehung. Marion, Gräfin Dönhoff drückt das in ihren Memoiren aus mit den Worten: “nicht klagen und heulen, sondern Diskretion wahren. Haltung ist Selbsterhaltung, so war es immer in unseren Familien.“ Wir sollten es auch lernen Enttäuschungen zu verkraften ohne eine Gefühlsregung zu zeigen. Unsere liebe Lice nahm es damit besonders genau. Lice war ‚ wie schon oben erwähnt, die Erzieherin der Siemens-Kinder. Sie war eine Rote-Kreuz-Schwester und ging immer mit einer gestärkten weißen Haube und dunkelblauem langem Kleid. Sie hatte meine Grosseltern v.Zychlinski kennen gelernt, als Onkel Karl im Krankenhaus, wo Lice als junge Schwester diente, nach dem 1. Weltkrieg an der Grippe starb. Später wurde Lice (oder offiziell Schwester Alice) von Tante Lotte Siemens nach der Geburt ihres 1. Kindes aus dem Krankenhaus weg engagiert und blieb bei der Familie v.Siemens in Berlin, wo sie die Erzieherin Flur alle 5 Kinder wurde. Als dann in Berlin die Bomben fielen, kam Lice mit den beiden jüngsten Söhnen: Andreas und Ruppi zu uns nach Goddentow, wo man den Krieg noch nicht spürte. Von meinen Brüdern bekamen Ruppi und Andreas zunächst den Namen “Stadtkinder“, das war auch ein schlimmes Schimpfwort, aber bald wurden wir alle beste Freunde. Damit wurde Lice auch unsere Erzieherin. Wir liebten sie sehr, und sie hatte auf meine Mutter einen starken Einfluss. Nun sollten wir also lernen ‚ Enttäuschungen zu ertragen. Man fand, dass es davon zuwenig gab in unserem bisherigen Leben, und man nahm die Aufgabe ernst, uns aufs Leben vorzubereiten. Eine entsprechende Situation musste also konstruiert werden. Wir bekamen erzählt, dass wir alle nach Danzig ins Kindertheater fahren dürften und freuten uns riesig. Tagelang. Als es dann endlich soweit war, wurden wir feierlich angezogen, alle wir 4 Geschwister gleich in grauen Hosen, bzw. Röcken, weißen Blusen, Mäntelchen und Hut. Ruppi und Andreas auch entsprechend. Und dann fuhr Klewe, der Kutscher mit den Pferden vor und brachte eine aufgeregte Kinderschar, die voller Erwartung war, nach Lanz zum Bahnhof. Auf dem Bahnsteig warteten wir auf den Zug nach Danzig. Wir warteten eine lange Zeit, und die Spannung und Erwartung stieg. Und als kein Zug kam, eröffnete Lice uns, dass es kein Theater gäbe und wir wieder nachhause fahren würden. Und nun sollten wir uns bitte beherrschen und Haltung zeigen. Ich war stinksauer, fand die Erwachsenen gemein und war durchaus nicht motiviert, meine Enttäuschung zu verbergen. Die wichtigste Pflicht, die wir gegenüber anderen hatten, war Verantwortung. Auf den Gütern war der Gutsherr verantwortlich für das Wohl aller Dorfbewohner Wenn jemand ernstlich krank war, übernahm meine Mutter die Aufgabe, einen Arzt zu rufen, oder sonstige Wege zur Genesung einzuleiten. Mit den Frauen hatte meine Mutter regelmäßige Treffen mit Kaffeetrinken und Gesprächen, und hier wurden Kochrezepte ausgetauscht, Kindersorgen besprochen und gestrickt und gehäkelt. Als ich bei meinem ersten Besuch 1983 in Pommern noch eine der alten Familien in Jezow traf, erwähnte die Frau Poblocki speziell, wie schön immer diese “Nähkränzchen“ mit Mutter gewesen seien. Dabei wurde Mutter nur in 3. Person und mit “Gnädige Frau“ angeredet. (haben Gnädige Frau einen Vorschlag für...). Auch mein Vater hat diese Aufgabe der persönlichen Verantwortung für seine Leute immer sehr ernst genommen. Es lag ihm besonders am Herzen, diese Rolle meinem ältesten Bruder Christoph, als dem Erben von Goddentow, klar zu machen und weiterzugeben. Es gibt hier noch mehr über die Stellung eines Gutsbesitzers zu erzählen: Die soziale Gesellschaftsstruktur gab dem Gutsbesitzer eine große Macht, und er bestimmte weitgehend das Leben auf dem Gut. Er war Flur das “Weh und WeIl“ seiner Leute, d.h. der Gutsangestellten und ihrer Familien verantwortlich. Das Verhältnis zur Kirche ist ein weiteres Beispiel Flur den Verantwortungsbereich. In der Kirche saß unsere Familie im Seitenschiff neben dem Altar. Dort konnten uns alle, die im Mittelschiff saßen, sehen, was bedeutete, dass wir uns die ganze Zeit vorbildlich auffuhren und still sitzen mussten. Ich war noch zu klein, um der Predigt mit Interesse folgen zu können und habe mir daher die Zeit damit vertrieben, jedes Wort der Predigt in Gedanken rückwärts zu lesen. Ich entwickelte darin eine gute Fertigkeit und habe damit später oft Bewunderung erlangt. Ich wollte das immer als Geheimsprache mit Freundinnen benutzen, aber fand nie jemand, der gewillt war, das auch einzuüben. Unser Wunsch, auch mal mit den “Dorfkindern“ im Mittelschiff sitzen zu dürfen, erfüllte sich jährlich einmal, wenn wir beim weihnachtlichen Krippenspiel teilnehmen durften. Das machte immer großen Spaß. Der Pastor (Pastor Haar) kam jeden Samstag zu meinem Vater ins Büro. Da wurde ihm die Sonntagspredigt vorgelegt und gutgeheißen. Man bedenke hier: Der Gutsherr konnte also den Inhalt der Sonntagspredigt mitbestimmen. Das ist ein Recht, dass heute nicht mehr vorstellbar ist. Wir Kinder mussten alle 14 Tage sonntags in die Kirche gehen und so mit gutem Beispiel allen anderen im Dorf vorangehen. Eine Fahrt nach Lauenburg, Danzig oder gar Berlin war immer eine Seltenheit. Da nahm man sogar Geld mit und konnte sich etwas kaufen. Es geschah nicht oft und gab uns wenig Erfahrung mit Geld umzugehen. Wenn wir dies heute lesen, verwundert uns das. Dazu muss man sich das Leben auf den Gütern vorstellen: Ein Gutsbetrieb war total autark, d.h. Selbstversorger. Der Gutsbetrieb lieferte alles: z.B. die Milchprodukte aus dem Kuhstall . In Goddentow hatten wir 60 Milchkühe, plus Kälbern, Jungvieh und Bullen. In Jezow waren es wohl auch soviel und in Roslasin weniger. Auch der Käse wurde selber gemacht, ich erinnere mich jedenfalls an einen guten weißen Käse. Wo kam das Fleisch her? Auf dem Hof wurde geschlachtet: Schweine, Kühe, Wild (Rot- und Schwarzwild), Geflügel. Die Würste wurden gestopft, der Schinken geräuchert, etc. Von den Jagden gab es Wildfleisch, und einige Wochen vor Weihnachten wurden Gänse gemästet und geschlachtet. Mamsellchen hatte eine Räucherkammer, wo es immer herrlich roch. Gemüse und Obst (hauptsächlich Äpfel und Birnen) kamen aus dem Garten, der vom Gärtner Troike versorgt wurde. Fisch wurde vom Fischer Kittel geliefert. An ihn war das Fischrecht im Luggewieser See verpachtet, dafür lieferte er eine bestimmte Menge Fisch im Gutshaus ab. Eines Tages kam er mit einem Hecht, der war riesig und so alt, dass ihm Moss auf dem Rücken wuchs. Er wurde in eine Badewanne gelegt zum Aufheben, bis er gegessen wurde. Mehl gab es natürlich vom selbstgemahlenen Getreide. Was noch? Südfrüchte gab es nicht. Ich habe meine 1 .Orange als 8-jährige in Bayern nach der Flucht gesehen (nicht gegessen). Man trug also nie Geld bei sich, das war ja nicht notwendig. Die Dienstmädchen und Angestellten wurden z.T. in Naturalien bezahlt. Meine Mutter war es daher nicht gewohnt, mit Geld umzugehen. Sie hatte selten etwas in bar bezahlt. Wenn sie in der Stadt waren, erledigte mein Vater das. Auch die Schwester meines Vaters, Freda Gräfin Wiesielowski, bekam eine lebenslange Apanage als Mitgift, die aus einer bestimmten Anzahl Säcken Mehl bestand.Da Vater sehr sparsam war, musste meine Mutter immer, wenn sie mal alleine in der Stadt war und Geld mithatte, hinterher eine schriftliche Abrechnung an Vater vorlegen. Die musste auf den Pfennig stimmen und sah etwa so aus: Bestand 20.00 RM (Reichsmark)                                                                                                                                                                Kaffee trinken 1.75
Zahnpasta 0.35

Zugbillett 2.50
Ausgaben: 4.60
Rest: 15.40 RM
Dasselbe hat dann Mutter später auch immer von uns verlangt. Es hat uns nicht geschadet.
Zur Selbstversorgung gehörte auch die Kleidung. Jedes Frühjahr und jeden Herbst kam eine Schneiderin ins Haus, die dann für mind. eine Woche ihr Quartier im Haus aufschlug. Dann wurden systematisch alle Anziehsachen durchprobiert, geflickt, verlängert, modernisiert, usw. Als 4. Kind bekam ich sowieso immer nur die ausgewachsenen Sachen der großen Geschwister. Oft gingen wir alle 4 jedoch in Lederhosen, aber auch da war für mich nie eine neue, weiche in Sicht. Als meine Schwester Friederike und ich dann 1944 mit Siemens nach Bayern geschickt wurden, kam die Schneiderin und nähte uns ein paar Dirndl mit Schürze, damit wir auch lokal- gerecht angezogen waren. Der Stoff stammte von Gardinen aus Wannsee, dem Siemenschen Palast in Berlin. Ich glaube, wir waren ein seltsames Bild, als wir losfuhren: mit grauen Flanellmänteln, weißem Bubikragen, grauen Hüten mit einer Fasanenfeder wir kamen uns jedenfalls sehr chic vor Die Tatsache, dass Mutter selten Gelegenheit hatte mit Geld umzugehen, machte es ihr natürlich besonders schwer nach der Flucht, als sie plötzlich mit 4 Kindern alleine stand und für alles bezahlen sollte. Sie hatte keine Ahnung von Preisen, Trinkgeldern, Wechselgeld, usw. Vater, der das alles früher geordnet hatte, war nicht mehr da. Sie musste schnell lernen.
Die wichtigste Person für mich und meine Geschwister war unser Kindermädchen. Mutter nahm immer nach jedem Baby eine Wochenpflegerin, die die ersten 6 Wochen im Haus wohnte und das Neugeborene versorgte. Bei uns war das stets Ila v. Deeken, die zur Freundin wurde und auch noch gegen Schluss des Krieges nach der Geburt meiner jüngsten Schwester Iris kam.
Dann gab es verschiedene Kindermädchen anfangs aus dem Dorf, aber mit wachsender Kinderschar wurde eine geschulte Kindergärtnerin angestellt. Sie hieß Gertraud Joachim, und kam aus Straussberg/Berlin, wo ihr Vater Arzt war. Sie war ein seelenguter Mensch und ungeheuer kinderlieb. Sie kam mit meiner Geburt ins Haus und ich verstümmelte ihren Nachnamen “Joachim“ zu “Aschi“. Dieser Nickname blieb ihr erhalten bis zu ihrem Tod, und nach und nach nannten auch alle Erwachsenen sie so. Ich liebte sie sehr. Sie kam als Städterin aufs Land und fand meine Geschwister ganz schön verwildert. Die Freiheiten meiner älteren Geschwister wurden von da ab etwas eingeschränkt. Wenn die Jungens hoch oben in den Bäumen saßen, blieb Aschi fast das Herz stehen. Sie war nicht schwindelfrei und nicht bes. sportlich. Die Ställe, bisher der liebste Aufenthaltsplatz meiner Brüder, waren ihr ein Graus. Dort machte man sich nicht nur schmutzig, man roch auch nach z.B. Kuhmist usw., man lernte vulgäre Aussprüche von den Knechten und war schwer zu lenken. Aber mit lieber Hand und viel Geduld wurden auch meine Brüder gezähmt, bis sie ins Internat zur weiteren Vervollständigung ihrer Erziehung kamen. Diesen Schritt hat mein 2. Bruder Tetzlav nicht mehr machen können. Er starb 1943 im Krankenhaus in Stolp an einem Blinddarmdurchbruch.
Bei der Beerdigung soll mein Vater zu meiner Mutter gesagt haben: “Mit unserem Jungen begraben wir unser Glück.“ Mein Vater kam da von der Front heim und hatte die schrecklichen Ereignisse wohl vorausgesehen. Bis dahin haue man auf den Gütern noch wie in einer Seifenblase völlig ruhig gelebt, ohne Entbehrungen oder Luftangriffe etc. Ganz naiv, so sah es von einer späteren Perspektive aus, aber zufrieden. Wenn mein Vater auf Urlaub nachhause kam vom Krieg, dann haue er soviel Grausames erlebt und gesehen, dass er nie darüber sprach und sich nur um die Ordnung der Güter kümmerte. Aschi war ca. 5 Jahre bei uns. Dann gab es einen erfreulichen Abschluss: Sie heiratete meinen
Onkel, den Bruder meiner Mutter :Ernst -Adolf von Zychlinski (Onkelein), der bei uns in
Goddentow mehrere Jahre die Verwalterstelle innegehabt haue, und so wurde Aschi zu unserer
richtigen Tante. Dann gab es die Hauslehrer. Sie waren eine alte Einrichtung auf allen Gütern. Die Gutskinder gingen nie in die Dorfschule. Das waren oft einklassige Schulbetriebe und war den Dorfkindern vorbehalten. Welcher Unterricht bei genauem Hinsehen der bessere war, ist vom Einzelfall abhängig und kann diskutiert werden.
Seit Hitler an die Macht gekommen war, gab es jedoch neue Verordnungen. Die “preußischen Junker“ waren ihm mit ihrer Macht sowieso ein Dorn im Auge, und er wollte ihre Privilegien kürzen. Das ganze Hauslehrersystem sollte abgeschafft werden, und alle hatten die allgemeine Volksschule zu besuchen. Dies resultierte darin, dass wir alle zum Einschulungstag in der Dorfschule erschienen, denn da wurden die Schüler gezählt und gemeldet. Ab nächstem Tage waren wir dann nicht mehr dort zu sehen und hauen weiterhin unseren Hauslehrer. Und so war es auf den anderen Gütern auch. Uns Kindern tat das eigentlich leid, denn es versprach viel lustiger und unterhaltender mit so vielen Kindern zu werden, als allein zuhause. Im Laufe der Jahre haben berühmte Literaten und Philosophen als Hauslehrer auf einem Gut begonnen. In Goddentow wurden nach dem Krieg unter der Tapete im Herrenzimmer 3 Fresken freigelegt, die angeblich die Büsten von 3 bekannten Persönlichkeiten darstellten, die einmal als Hauslehrer in Goddentow tätig gewesen waren. Es soll sich dabei u.a. um Herder gehandelt haben, aber das kann ich nicht bestätigen. Ich habe ein Foto dieser Fresken, und da ist nur wenig zu erkennen. Die geplante Konservierung dieser alten Wandbilder nach dem Krieg unter polnischer Leitung verzögerte dann ein Renovierungsprojekt, bis eines Tages alles abbrannte. Der 1. Hauslehrer, der nach Goddentow kam, war von einem anderen Gut übernommen worden. Er hieß Herr Juchatzki. Ich fand ihn uralt. Er wohnte im Büroflügel und war nicht nur Lehrer, sondern auch Erzieher im allgemeinen. Ich erinnere mich, dass er sich nach den Mahlzeiten immer vom Tisch einen Stapel geschmierter Brote aufs Zimmer mitnahm. Mein sparsamer Vater wunderte sich, sagte aber nichts. Er war allerdings sehr empört, als er eines Tages einen Haufen verschimmelter Schnitten unter dem Fenster des Hauslehrers fand. Das ging dann wirklich zu weit! Herr Juchatzki verschwand eines Tages, es war ihm gekündigt worden, und wir wussten natürlich nicht, warum. Ich glaube, die Jungens lernten nichts bei ihm. Es erschien dann bald eine Lehrerin aus Berlin, Fräulein Geier. Sie war noch nie auf dem Lande gewesen. Ich verstehe heute nicht, warum sie gerade die Stelle auf einem hinterpommerschen Gut annahm. Das musste für sie ja wirklich ein Zug in die hinterste Povinz sein. Meine Brüder hassten alles, was mit Schule zu tun hatte, oder ihre Freiheit einschränkte. Das ist wohl verständlich. Auf dem Gut gab es immer viel Spannendes. Vor allem trieben sie sich gerne im Pferdestall herum. Dort konnte man auf der Futterkiste (mit Hafer gefüllt) sitzen und bekam spannende Geschichten vom Kutscher Klewe erzählt. Oder man konnte Spatzen schießen. Die Brüder hatten früh ihr eigenes Gewehr vom Typ “Täsching“. Sehr populär war es, auf dem Getreidespeicher mit dem Täsching auf Rattenjagd zu gehen. Aber Frl Geier hatte dafür kein Verständnis. Als sie von Berlin eintraf, sollten meine Brüder sie empfangen und natürlich einen möglichst guten Eindruck machen, damit sie nicht sofort wieder den Zug zurück nach Berlin nahm. Ich merkte, dass die Jungens sich einen Plan ausgeheckt hatten. Dieses Fräulein aus der Stadt sollte zum Empfang durch eine Feuerprobe gehen, und die sah so aus:
Zur Vorbereitung gingen die Jungens auf den Getreidespeicher, wo man wie gesagt immer Ratten schießen konnte .Dazu musste einer einen Sack auf die Seite schieben (und das durfte als besondere Ehre manchmal ich sein), und eine zweite Person musste, mit dem Täsching im Anschlag, daneben stehen und sofort losschießen, falls sich da etwas rührte. Nach ein paar Säcken hatte man garantiert auch ein paar Ratten erlegt. Und Ratten haben lange Schwänze. 3 Ratten wurden also an den Schwänzen zusammengebunden und an die Türklinke der neuen Hauslehrerin gehängt, als alle sich gerade in der Halle versammelten, um zusammen zum Abendessen zu gehen. Wohlgemerkt, das Zimmer lag am Ende eines langen Flurs, der nur spärlich von einer Glühbirne beleuchtet war.
Der Plan ging auf. Frl. Geier, müde von der Reise, tastete sich am Abend im Halbdunkel zu der Tür ihres Zimmers und stieß mit den Händen an die Leichen der Ratten. Zuerst verstand sie nicht, was das war und befühlte die Körper genauer, um dann mit einem wilden, angeekelten Schrei davon zustürzen. Ich weiß nur, dass dies sofort Vater gemeldet wurde, was eine harte Bestrafung der Jungens zur Folge hatte. Es gab Zimmerarrest, vermehrte Schulaufgaben und Entschuldigungen. Frl. Geier hatte sich nie an das Landleben gewöhnt. Die Brüder bekamen es schnell raus, dass sie eine panische Angst vor Kühen und Pferden hatte, und wenn man sich im Kuhstall aufhielt, war man erst einmal vor ihr und dem Unterricht sicher Das ging gut, bis Vater davon erfuhr. Schließlich war die Lehrerin engagiert, um den Jungens rein bildungsmäßig den Anschluss an die kommende Internatsschule zu sichern, und uns beiden Mädchen den Stoff der ersten vier Jahre Volksschule zu vermitteln. Vater war sehr streng, besten Brüdern gegenüber. Vor jeder Mahlzeit mussten sie neben dem Stuhl von Vater antreten und ihre Hände, Handflächen nach unten, vorzeigen. Wehe, wenn da ein dreckiger Fingernagel war, oder sonst ein Fleck, dann ging es ohne Essen ins Kinderzimmer nach oben. Daher waren die Minuten vor den Mahlzeiten immer sehr hektisch. Man musste pünktlich sein und saubere Hände haben. Beinahe unmöglich!
Mein Bruder Tetzlav hatte die Situation längst durchschaut und wusste sie zu seinem Vorteil zu nutzen. Er wurde bes.oft hochgeschickt, ging dann aber sofort weiter von oben einen Gang entlang und hinunter in die Küche, wo Mamsellchen ihrem Liebling schon einen besonderen Leckerbissen bereithielt. Und bei Mamsellchen durfte man sitzen wie man wollte und es war viel gemütlicher! Bei einem dieser geheimen Besuche prägte sie dann die in unserer Familie inzwischen geffilgelten Worte in ihrem pommerschen Deutsch, wobei sie einen mit ihren knochigen Armen hart an sich zog (etwas schmerzhaft aber voller Liebe):“ mein Liebenchen, komm bei mich in die Küche, da lernst‘de Bildung.!“
Tetzlav war ein schlechter Esser. Er mäkelte viel und wurde dauernd zum Essen gezwungen. Er schob dann einfach das Essen in die Backen und spuckte es später wieder aus. Einmal wurde er noch nach dem Mittagschlaf mit Essen in den Backen entdeckt. Mamsellchen soll ein Kapitel gewidmet werden.
Warum wurde sie so genannt? Es war auf allen pommerschen Gütern so: In der Küche regierte die Mamsell. Sicher kommt diese Bezeichnung von Mademoiselle und stammt aus der Zeit, als man am preußischen Hof französisch sprach. Mamsellchen hieß mit richtigem Namen Martha Kolodzik. Wo sie herkam, habe ich nie erfahren. Sie war schon in Goddentow, als meine Mutter einzog. Später flüchtete sie auch mit unserer Familie. Sie gehörte zur Einrichtung und war unserer Familie treu ergeben. Sie war dünn und knochig, und nicht etwa dick wie die meisten Köchinnen. Sie regierte uneingeschränkt in der Küche. Dort hatte sie 5 —6 Kuchenmädchen, die immer von Familien im Dorf kamen, um im Schloss zu lernen. Neben der Küche war eine “Handwerkerstube“. Auch die gehörte zu Mamsellchens Ressort. Hier kochte sie warmes Essen um 12 Uhr für alle Handwerker, die auf dem Gut arbeiteten, z.B. Den Schmied, den Steilmacher (Schreiner), usw. Sie nahm die Produkte der “Lieferanten“ entgegen, begutachtete die Waren, bestellte für die nächsten Tage, usw. Bei den Lieferanten drehte es sich also um den Gärtner Troike, der beim Einmarsch der Russen erschlagen wurde,. Er lieferte aus der Guts Gärtnerei Gemüse, auch Spargel, Rosenkohl, usw., sehr variiert und stets frisch; dann der Fischer Kittel mit frischem Fisch und oft Krebsen aus dem Luggewieser See. Mamsellchen dirigierte das Schlachten, das auf dem Hof stattfand. Sie überwachte das Würzen des Fleisches, das dann in die Würste gestopft wurde, das Räuchern, wie schon vorher erwähnt, und sie mästete vor Weihnachten die Gänse, für die 6 Wochen vor dem Fest ein eigenes Gehege neben der Küche gebaut wurde. Mein Lieblingsessen war gepökelter, und dann gesalzener Gänsemagen, der dann fein gerieben wurde und auf Brot gegessen wurde. Ich habe diese Köstlichkeit später nie mehr entdeckt. Mamsellchen schickte mir noch zwei Gänsemagen in die Urschlau nach Bayern, zu unserem 1. Weihnachten (1944), das Friederike und ich fern von Goddentow verbrachten. Es gab ja zu der Zeit keinen Kühlschrank und vor allem keine Tiefkühltruhe. Die Lebensmittel wurden in kühl gehaltenen Speisekammern aufbewahrt. Zur Langzeitlagerung gab es je nach Produkt verschiedene Methoden. Gemüse wie Kartoffeln, Mohrrüben und Zuckerrüben (Wrukken) wurden z.B. über den Winter in der Erde vergraben, es wurden dazu hohe Erdhügel aufgeschaufelt, die wir Kartoffelnieten nannten, und wo die Gemüse nicht dem Frost ausgesetzt waren und sich gut hielten. Für Fleisch und bes. Wild gab es den Eiskeller. Das war auch eine indie Erde gegrabene Höhle, die mit großen,, langen Eisblöcken gefüllt und so gekühlt wurde und in der die erlegten Hasen, Rehe,Wildschweine, Fasanen ‚ Rebhülmer, etc. aufgehängt wurden. Die Eingangstür wurde bes. sorgf.Itig verriegelt. Marnseilchen hatte die Schlüssel. In diesem Keller gab es viele Fledermäuse.
Als Vater nach seinem letzten Urlaub in Goddentow wieder an die Front musste, beauftragte er den Gärtner Troike, hier, in der Nähe des Eiskellers ‚ die Waffen aus dem Eichenschrank im Gutshaus an einer genau verabredeten Stelle, zu vergraben. Das ist dann auch geschehen, aber was weiter damit geschah, wissen wir nicht. Eine besondere Aufgabe war das Zuckerrüben kochen. Auf pommerseh hiessen die Rüben “Wruggen“. Da wurde in der Küche auf dem grossen Holzherd mit den eisernen Ringen über der Feuerstelle, Tag und Nacht der schwarze Syrup eingekocht, der non-stop gerührt werden musste, und eine gesunde Nahrung im Winter war. Marnselichen stand die ganze Nacht durch vor den riesigen Töpfen und rührte. Wann sie dann eigentlich schlief, weiss ich nicht, aber während dieser Tage hielt sich meine Mutter immer von der Küche fern, dort war “dicke Luft“. Mutter fuhr da gerne auf eines der anderen Güter, z.B. nach Jezow, dort regierte “Tante Schulze“, die Frau des dortigen Verwalters. Mutter liebte die Kaffeestündchen mit ihr besonders. Sie hatte einen abenteuerlichen, phantastisch gepflegten Gemüsegarten. Zu uns Kindern war Mamselichen wie gesagt rührend. Die Köchinnen oder Mamsells (besser: Wirtschafterinnen) auf den Gütern waren immer der “Gute Engel“ der Kinder. Hier bekam man Leckerbissen, die es sonst nirgends gab (es gab ja wie gesagt keinen Kiosk oder Tante-Emma-Laden, wo man sich Süssigkeiten flur ein paar Groschen kaufen konnte). Ich erinnere mich voller Sehnsucht an Mamseilchens Sahnebonbons. Welche Köstlichkeit! Und wenn wir wegen schlechten Benehmens vom Tisch geschickt wurden, hoch in unser Zimmer, dann fand Mamseilchen immer Wege und Mittel uns mit solchen Leckerbissen zu “trösten“. Ich frage mich heute, ob mein Vater wirklich nichts von diesem Geheimverkehr gewusst hatte. Mutter hatte vor Mamselichen Respekt, denn sie war schon in Goddentow, bevor Mutter als junge, unerfahrene Frau ihren Einzug in Goddentow hielt. Sehr oft bekam Mutter zu hören: “So ist es hier immer gemacht worden“, wenn sie mal etwas verändern oder verbessern wollte. Sie heiratete in einen Haushalt, der jahrelang ohne Frau geführt worden war. Meine Grossmutter väterlicherseits (Elisabeth, geb. v.Weiss) starb früh. Sie litt ausserdem während ihrer letzten Lebensjahre in Goddentow unter schweren Depressionen und kam fast nie aus ihrem Zimmer raus und nahm an keinen Gesellschaften mehr teil, auch wenn sie im eigenen Hause stattfanden. Sie malte wunderschön (eine direkte Nachfahrerin von Lukas Cranach). Ihr Mann, mein Grossvater (ein trockener Jurist), soll sehr sparsam (sprich geizig) gewesen sein. Die meisten Zimmer im Gutshaus waren verschlossen, Gardinen und Fensterläden zugemacht und die Heizung abgedreht. Mutter brachte Licht, Leben, Fröhlichkeit und Wärme ins Haus und nach und nach kleine Kinder. Der Grossvater war auch früh gestorben, d.h. als mein Vater erst 19 Jahre alt war. Vater hatte bereits mit 17 sein Abitur gemacht und war dann sofort nach Bonn zum Studium gegangen. 2 Jahre später jedoch, beim Tod seines Vaters, musste er zurückkehren, um die Leitung der 3 Güter zu übernehmen.Als er dann nach einigen Jahren heiratete, kam Mutter in ein Gutshaus, dessen häusliche Leitung jahrelang in Mamselichens Händen gelegen hatte. Die “Machtveränderung“, die also notwendigerweise stattfinden musste, kann nicht immer leicht gewesen sein. “Mamselichen ist heute auf 1000“ hiess es dann,.und um die Küche wurde ein großer Bogen. gemacht. Das war nicht schwierig, denn der ganze rechte Flügels des Gutshauses war Küche, div. Speisekammern, Handwerkerstube, etc. Darüber lagen die Zimmer der Zimmer- und Küchenmädchen und Mamselichens Zimmer mit der Räucherkammer. Eine besondere Stellung unter den Gutsangestellten hatte der Hofmeister. Er hiess Horn in Goddentow und war Vaters rechte Hand mit allem was das Landwirtschaftliche und Praktische betraf Die Buchhaltung oblag einem Sekretär, der auch im Gutshaus mit seiner Frau wohnte. Er hieß Herr Greinke und seine Frau ging mit Mutter 1945 auf die Flucht. Ich weiss nicht, was dann aus ihr geworden ist. Die Verwaltung mit dem Büro war im sog “Kavaliersflügel“, dem linken Flügel des Hauses untergebracht.
Die meisten Güter hatten auch eine Brennerei. Dort wurde Schnaps aus Kartoffeln gebrannt. Der Brennereimeister auf Goddentow war Herr Kowalke. Die Zapfstellen waren versiegelt und vom Staat kontrolliert. Ein- oder zweimal im Jahr kamen die staatlichen Kontrolleure und holten die Brennereiprodukte ab, wobei sehr streng darauf aufgepasst wurde, dass kein Tropfen dieses begehrten Produktes auf Abwege geriet. Die Routinen waren angeblich 100 %ig sicher, und mein Vater hat es nie verstanden, wieso trotzdem jedes Mal, wenn diese Kontrolleure zum Abzapfen kamen, das halbe Dorf betrunken war. Ein Abfallprodukt der Brennerei war die sog. “Schlempe“, die wurde direkt in die Kuhställe geleitet und erhöhte die Milchproduktion der Kühe wesentlich. Es war das beste Kraftfutter.
Da wir nicht in die Dorfschule gehen durften, hatten wir nur die Geschwister als Spielkameraden, oder die Kinder der Nachbargüter, aber die traf man nur anlässlich von Geburtstagen, oder spezieller Besuche. Wir wollten daher gerne öfters Spielkameraden haben. Den Jungens gelang es zwar manchmal, mit den Dorfkindern Kontakt aufzunehmen, aber es dauerte immer eine gewisse Zeit, bis die auftauten und vergaßen, dass sie mit den Gutskindern spielten. Meine Schwester und ich bettelten sehr lange, ein gleichaltriges Kind aus dem Dorf einladen zu dürfen. Es wurde dann entschieden, dass man die Tochter des Hofmeisters bitten könnte, zu uns zu kommen. Bisher hatten wir immer erlebt, wenn wir mit Vater und der Kutsche durch das Dorf fuhren, dass die Kinder wegliefen und dann scheu um die Ecken der Häuser. guckten, und sich möglichst nicht zeigten. Nun sollte also ein gleichaltriges Mädchen zu uns kommen. Auf den Gütern wurde immer das Gutshaus als “Schloss“ bezeichnet, ob es nun ein Prachtbau oder ein eher bescheidenes Haus war. Edith Horn sollte jedenfalls zu uns einmal wöchentlich kommen, und wir freuten uns sehr. Es war ein sehr liebes, aufgewecktes Mädchen, das da von seiner Mutter enorm herausgeputzt worden war und vollgepfropft von guten Ermahnungen und “last Minute“ Erziehungsregeln. Ich erinnere mich noch gut, wie Edith in der Eingangshalle stand, sehr gehemmt in ihren Bewegungen, sich scheu umblickte und dann leise fragte: “ist es wahr, dass ihr alle Schubladen mit Gold gefüllt habt?“ Wir konnten ihr sehr schnell das Gegenteil beweisen, und wir hatten von da an viele Nachmittage, wo wir mit unseren Puppen spielten und immer wieder nahmen die Väter (im Spiel) von uns Abschied, weil sie in den Krieg mussten, und die Puppen und wir mussten dann herzzerreißend weinen. Dieses Spiel habt ihr, meine Enkel, Gott-sei-Dank nicht mehr gespielt. An den kirchlichen Feiertagen nahm das Dorf gesammelt teil. Meine Eltern arrangierten stets etwas Gemeinsames, alten Traditionen getreu. Goddentow und seine Bewohner waren evangelisch, während das Gut Roslasin, das auch die meisten polnischen Arbeiter hatte, katholisch war. Wie das in Jezow war, bin ich nicht mehr sicher.Jede Familie wohnte in einem Häuschen, die zu beiden Seiten der Dorfstrasse standen. Die meisten Familien hielten sich ein Schwein, Hühner. Gänse, etc. zum eigenen Verbrauch und hatten einen Gemüsegarten. Die Häuser hatten noch eine offene Feuerstelle als Herd. Ich muss gestehen, dass ich zum ersten Mal in einem dieser “Leutehäuser“ war, als ich 1983 Goddentow von Norwegen aus besuchte. Da war ich ganz schön überrascht über die Primitivität dieser Behausungen, aber da hatten auch die meisten Häuser seit Kriegsende viel Zerstörung durchgemacht. Wie viele Häuser waren es eigentlich? Als Kind schätzt man das falsch ein, und alles kommt einem größer vor. Ich würde sagen, es waren ca. 15 Häuser im Dorf. Da gab es noch das Schulhaus mit der Wohnung des Dorflehrers und etwas abseits, neben der Kirche, stand das Pfarrhaus. Zu Weihnachten z.B. hatte Mutter für jede Familie in der Halle des Gutshauses einen Gabentisch vorbereitet. Es lag da auf jeden Fall für jedes Kind ein Geschenk und natürlich auch für die Erwachsenen. Am 24. 12. am Nachmittag, wenn es dunkel wurde, kamen alle Familien mit ihren Kindern ins “Schloss“. Es wurden dann immer Weihnachtslieder gesungen, mein Vater hielt eine Ansprache, und dann gingen alle zu ihren Tischen. Wir Kinder standen dann auf der Freitreppe, die von der Halle nach oben ging und schauten von oben herunter, oft mit sehnlichen Blicken, denn unsere Bescherung kam erst später, und wir sahen viele begehrenswerte Geschenke. Ja, es waren keine technischen Dinge, die da lagen. Es handelte sich hauptsächlich um nützliche Dinge, oft warme Kleidungsstücke, aber auch Spielzeug, ein Tier zum Aufziehen, und Pfefferkuchen. Ich erinnere mich noch, dass auf einem der Tische meine Traumpuppe lag. Aber ich kann mich nicht mehr erinnern, ob ich später auch so eine bekam. Im Winter gab es eine lustige Einrichtung, und das war das “Schleifchen-fahren“. Wenn nämlich genug Schnee lag, dann bettelten wir Vater, am Sonntag einen oder 2 Ackergäule zur Verfügung zu stellen, die dann von einem Knecht gefahren wurden und die Schlitten aller Kinder hinter sich her zogen. Um es spannend zu machen, fuhren sie in scharfen Kurven oder “Schleifchen“, so schnell wie möglich. Dabei wurden die Schlitten ganz schön herumgeschleudert, und es war immer eine Ehre, und den Mutigsten vorbehalten, auf dem letzten Schlitten zu sitzen und nicht umzukippen. Meine Brüder hingen auch oft zuletzt, aber wir Mädchen saßen immer direkt hinter den Gäulen, möglichst noch von unserer Aschi fest im Arm gehalten. Meine Brüder ritten viel, und Vater war besonders stolz mit ihnen auszureiten. Mutter machte da auch mit. Dazu hatte Vater einige Reitpferde. Der Pferdestall war in 3 Abteilungen eingeteilt: Reitpferde, Kutschpferde und Arbeitergäule für die Feldarbeit. Bei den Reitpferden stand auch unser geliebtes Pony “Moritz“. Keiner wusste mehr so recht, wo Moritz eigentlich hergekommen war und wie alt er war. Er war ein sog. russisches Panjepferdchen, größer als ein Shetlandpony. Er konnte Kirschen fressen und spuckte die Kerne aus. Manchmal fraß er auch unsere Wurststullen auf. Wir durften alle auf ihm reiten, aber am meisten wurde er als Kutschpferdchen benutzt. Wir hatten für ihn eine kleine Kutsche, und meine Brüder konnten alleine ausfahren. Die Fahrt ging oft zum Luggewieser See. Da kam dann das Kindermädchen mit, ein Pickniekkorb und Badezeug. Moritz wurde abgespannt und im Schatten eines Baumes angebunden, aber er fand es sehr langweilig, warten zu müssen und sehnte sich nach seinem Stall. Es gelang ihm regelmäßig, sich loszureißen und wir sahen ihn dann (wenn wir im Wasser waren) nur noch von hinten nachhause galoppieren. Zuhause wusste der Kutscher schon, wenn Moritz so alleine im Stall ankam, dann mussten wir vom See mit den Kutschpferden abgeholt werden, mit Moritz im Schlepp. Einmal wollten meine Brüder ganz sicher gehen, dass Moritz sich nicht selbständig machen konnte und banden ihm alle 4 Beine zusammen. Aber diese Herausforderung mobilisierte nur seine Pferdefantasie und alle seine Kräfte, und richtig sahen wir ihn wieder von hinten wie ein lahmes Kaninchen gen Stall hoppeln. Wir mussten also doch wieder von Klewe abgeholt werden. Einmal hatten meine Brüder sich ein Projekt ausgedacht: sie wollten eine Höhle im Park bauen, in die man richtig hineingehen können sollte. Sie schaufelten viel Sand aus einem immer tiefer werdenden Loch im Park, und der Sand musste weggefahren werden. Dazu wurde Moritz und der Ponywagen benutzt. Ich war sehr stolz, mitgenommen zu werden, um den Sand bis in die Sandgrube außerhalb des Dorfes zu fahren. Solche Unternehmungen geschahen ohne Erwachsene. Es gab ja sonst auf den Strassen keinen Verkehr. Mit Autos konnte fast keiner fahren, da die Reifen schon früh im Krieg abgeliefert werden mussten für militärische Zwecke, und alle Autos standen aufgebockt in den Garagen. Man fuhr mit Pferdewagen. Als wir also an der Sandgrube ankamen, fanden meine Geschwister noch irgendeine andere interessante Beschäftigung, bei der ich als Kleinste störte, und ich wurde einfach auf den Ponywagen gesetzt, bekam die Zügel in die Hand gedrückt und Moritz bekam einen Klaps auf das Hinterteil, und schon tappte er los. Er lief sowieso immer nachhause in den Stall. Das tat er auch diesmal, kriegte aber die Kurve zur Einfahrt nicht hin und blieb am Betonpfeiler hingen. Der Ponywagen kippte um und wir mussten “gerettet“ werden. Nichts Schlimmes war passiert, nur der Pfeiler musste repariert werden, und die Geschwister bekamen eine “Verantwortungspredigt“ darüber, wie man sich gegenüber Kleineren und Schwächeren verhält. Damit war meine Teilnahme an weiteren geschwisterlichen Ausflügen erstmal gestoppt. Aber die Höhle wurde fertig gestellt, und die Erwachsenen zum unterirdischen Kaffeetrinken eingeladen mit köstlichem Kuchen von Mamseilchen. Wir fanden es sehr gemütlich in unserer dunklen eiskalten Höhle, wo ständig Sand von oben auf den Kuchen rieselte. Ich habe noch später oft daran zurückgedacht, als wir auf der Flucht in Bombenkellern saßen. Das war dann nicht mehr so reizvoll. Die Sommerferien verbrachten wir immer in Leba an der Ostseeküste bei den Grosseltern Zychlinski, also Mutters Eltern. Sie hatten dort ein Gästehaus, das ich auch 1983 noch wiederfand, und haben in dem Haus den Einmarsch der Russen miterlebt.
Auch nach Leba fuhren wir mit dem Pferdewagen oder dem Zug. Aschi war mit von der Partie, und wir waren da immer mehrere Wochen. Für uns Kinder eine herrliche Zeit! Anfang März 1945, als die russische Front Hinterpommem bereits umzingelt hatte, und nur noch der Weg nach Osten, also nach Danzig offen war, verließ meine Mutter mit ihrem 5. Kind (dem 4.Lebenden), der damals 7 Monate alten Iris, Goddentow. (Meine ältere Schwester und ich waren bereits früher gen Westen “geschickt“ worden. Mein Bruder befand sich zu der Zeit in Thüringen im Internat Rossieben, und floh 1 Tag vor Einmarsch der Russen nachts über die Klostermauer der Schule und weiter zu Fuß nach Schleswig-Holstein, immer den russischen Truppen um ein kurzes voraus.) Meine Mutter wurde begleitet von den getreuen Mamsellchen und Frau Greinke. Mutter hatte so lange gewartet in Goddentow in der Hoffnung, mein Vater würde noch kommen. Ein deutsches Militärfahrzeug (Goddentow war zu der Zeit voll von militärischer Einquartierung und Flüchtlingen) brachte sie nach Danzig, wo sie mit dem letzten Schiff ab Gotenhafen über die Ostsee nach Schleswig-Holstein kamen. Mein Vater ist nicht mehr zurückgekehrt. Nach 30 Jahren haben wir herausbekommen, dass er in den letzten Februartagen 1945 bei Schneidemühl bei einem Luftangriff gefallen war. Das war bereits ganz nahe an Goddentow. Nachtrag: Als mein Vater die 3 Rittergüter Goddentow, Jezow und Roslasin als 19 jähriger junger Mann übernahm, war der gesamte Besitz, wie alle Güter damals, hoch verschuldet. Vaters großen Fachkenntnissen und seinem ökonomischen Geschick, einer 100%igen Verpflichtung an seine Aufgabe, und nicht zuletzt seinem vorbildlichen Verantwortungsbewusstsein ist es zu verdanken, dass Goddentow und die anderen beiden Güter nicht auch Pleite gingen und zur Versteigerung kamen. Im Jahr 1944 waren alle 3 Güter schuldenfrei. Anlässlich meines Besuches in Goddentow im September 2011 las ich in dem Prospekt des Hotels eine Information die mich zu diesem Nachtrag veranlasst: Es heißt da nämlich wörtlich: “In der Zeit des 2. Weltkrieges gab es hier (im Schloss) das Kommando der Abwehr, das in dem Schloss Hitler zu Gast hatte)‘ Diese Information haben die jetzigen Besitzer in polnischen Archiven gefunden. Sie ist jedoch falsch. Tatsache ist, dass beim Polenfeldzug, der am 1. 9, 39 begann, Hitler in einem offenen Wagen die Strasse von Lauenburg nach Danzig fuhr, also auch durch Goddentow kam. Alle Dorfbewohner, und auch wir, standen entland der Dortstrasse, und ich erinnere mich genau des offenen Wagens, auf dem ein Mann mit gehobenem rechten Arm stand, und alle Leute erhoben gleichfalls ihre rechten Arme, als der Wagen vorbeifuhr. Hitler soll dann, wie gewöhnlich, in einem Eisenbahnwaggon gewohnt haben, dort war das sog. Führerhauptquartier untergebracht. Auf diese Weise war die Operation mobiler. Der Eisenbahnwaggon stand auf einem Nebengleis der Bahnstrecke Lauenburg - Danzig, das sich am Rande unseres Parkes befand. Seine Generäle hatte Hitler in den Gutshäusern untergebracht. Bei uns im Haus war General Rommel einquartiert. Er soll sehr kinderlieb gewesen sein, und da ich das Nesthäkchen von 4 Kindern war, durfte ich, laut Bericht meiner Mutter, bei Rommel auf dem Schoss sitzen.Da der Polenfeldzug eine ‘Blitzaktion‘ war, war auch die Einquartierung von kurzer Dauer.

 

 

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